Instagram, du verdammt heile Welt

Liebes Instagram,

vielleicht ist es dir schon aufgefallen – mir gehts momentan nicht so gut, aber ich glaube dir ist das egal, kann das sein?
Dabei kennen wir uns jetzt schon seit fast sechs Jahren – damals 2012 als ich dich kennengelernt habe und du mir eigentlich sofort sympathisch warst, war noch alles ziemlich einfach. Fotos schießen, sie mit einem passenden Filter versehen, ein paar Gedanken dazu schreiben und ab ins Internet. Schuhe, Tee, die Katze, eine halb gegessene Torte, schlecht ausgeleuchtete Bücher und Kekse. Macarons gabs damals zwar auch schon, aber diese wurden fotografiert, wie sie gegessen wurden – aus der Plastikverpackung, mit Rissen und Dellen, abends mit dem Handy geschossen mit Juno oder Reyes verschönert. Es war ein online Tagebuch banalster Art mit witzigen, ironischen, schönen und hässlichen Einsprengseln, ziemlich unperfekt, aber auch irgendwie echt. Dass du echt bist, nehme ich dir heute nicht mehr ab, nimmt dir niemand mehr ab, auch wenn es alle fleißig behaupten. Aber je mehr sonnige Coachellabilder, schwingende Kleider, strahlende Zähne und flache Bäuche in deinem Feed auftauchen, umso mehr habe ich das Gefühl, dass da auch gar kein Raum mehr für irgendwas anderes ist, Tiefe und Vielfältigkeit zum Beispiel. 

Instagram, du verdammt heile Welt | Glasschuh.com Blog aus Hannover von Lea Christin
Instagram du bist eine so verdammt heile Welt, da ist kein Platz für individuelle Trauer, Krankheit oder andere Dinge, die nicht in die zuckersüßen, rosaroten Bilder deiner Gemeinde passen. Keine Zeit für verheulte Wochenenden, Streit mit den Liebsten, schlechte Zeugnisse, Magen-Verstimmungen oder Tod von Verwandten – Kein Raum für rote Augen, fettige Haare und Tiefkühlpizza im Bett. Nein, bei dir gibt es nur als Kulisse extra blaue Himmel, zum Farbton des Kleides passende Blumenfelder und Haut, so porenlos wie die unserer Barbies von früher.
Aber was passiert, wenn uns die Realität erwischt? Wenn sie wie ein heftiger Regen über uns hereinbricht und wir uns durchnässt, triefend und mit zerlaufener Mascara vors nächste Schaufenster retten und uns der Welt lächelnd, geföhnt und gut gelaunt präsentieren sollen? Wenn wir es nicht schaffen unsere Kleider zu ordnen und die Haare zu trocknen, sondern wir mit einem ramponierten Regenschirm weiterlaufen und es geradeso durch den Alltag schaffen? Dann verstummen unsere Profile und zum Regen in der Realität gesellt sich das Gewitter im Social Media: die Zahlen sinken und wir schauen hilflos mit an, wie die Arbeit der letzten Wochen durch den realen Wolkenausbruch fort gespült wird.

Instagram, ich weiß es schon lange – das mit uns ist eine Hass-Liebe. Ich war von dir schon immer abhängig, aber du wolltest mich noch nie so wirklich bei dir haben.  Trotzdem muss ich mich wohl auch weiterhin mit dir abgeben, mich irgendwie konform verhalten und nach deinen Regeln leben. Was bleibt mir anderes übrig, wenn mir der Rest doch so viel Spaß macht? Wenn ich doch nur deine Regeln und deine Perfektion so anstrengend finde, mein eigenes Reich aber so sehr schätze?  Wenn meine Gewitterwolke weitergezogen ist, schaffe ich es auch, dann kann ich mich ordnen und mein Lächeln üben, mich wieder mit meiner etwas perfekteren Version (die ohne Probleme und Sorgen!) bei dir einquartieren und das Positive an deiner heilen Welt sehen – die letzte Woche fiel mir das schwer, ich hoffe du verzeihst mir nochmal!


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4 Comments

  • Hallo Lea Christin,
    Respekt! Das ist der Grund warum ich DIR folge. Dein Blog handelt eben nicht nur von Mode, Make up, Styling und der täglichen Frage welches das beste Bild ist…
    Dein Blog ist tiefgründiger, weniger Mainstream. Gleichzeitig würde ich widersprechen…ist Instagramm nicht auch, was wir daraus machen, wo wir uns unserer eigenen geilen Welt berauben? Ich Folge einer jungen Krebskranken Frau, die die Welt an ihrem Weg teilhaben lässt. Nicht immer leicht zu ertragen, stimmt. Aber wenn sie es aushalten muss, können wir es dann nicht auch und mit aufmunternden Worten oder Gesten dazu beitragen ihr Leid etwas erträglicher zu machen?
    Diese Familie, der ich Folge mit dem Progeriakranken Kind, die der Welt diese Krankheit näher zu bringen versucht. Einmal um auf das Schicksal dieser Kinder aufmerksam zu machen, Spenden für die Erforschung dieser Krankheit zu sammeln und ihrem Kind durch Aufklärung abschätzige Blicke ersparen zu versucht…
    So ist es doch an uns diese Plattform zu nutzen aber auch sie zu formen oder zumindest mit zu gestalten. Jeder entscheidet für sich, was er dieser „Version Welt “ preis gibt und lebt gleichermaßen mit der Reaktion darauf, den Konsequenzen die teilen mit sich bringt, im Guten wie im schlechten Sinne….
    Vielleicht macht dir meine Sicht der Dinge Mut zu teilen, was deiner Einschätzung nach vllt nicht in diese Welt passt. Vllt wirst du positiv überrascht, was dann dabei heraus kommt ,)
    LG Susanne

    • Liebe Susanne,
      vielen Dank erstmal für deine warmen Worte! Du hast natürlich absolut Recht und es gibt viele schöne und ergreifende Beispiele von Menschen, die Instagram nutzen, um auf ein Problem aufmerksam zu machen. Mir ging es auch eher darum den verbreiteten Perfektionismus etwas überspitzt zu kritisieren ;)
      Und natürlich kann ich auch theoretisch jegliches Thema auf Instagram behandeln, aber manchmal gibt es ja auch einfach Tage, da möchte man nicht online gehen und das Prinzip Instagram bestraft einen dann automatisch mit weniger Reichweite..
      Ich werde aber auf jeden Fall über deine Worte nachdenken!

      Liebst ♥
      Lea Christin

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