Art is the new Black

“Okay, wir sind gleich da, wie sehe ich aus? Habe ich irgendwo Lippenstift?” Wir sind in Berlin und es weht ein nasskalter Wind, der mich trotz meiner dicken Jacke und den Boots zum frösteln bringt. “Nein, alles top, siehst gut aus.” antwortet meine Schwester und steckt mir eine Strähne zurück in die Frisur, die sie mir am Morgen gemacht hat. “Na dann los.” Ich bin mal wieder total nervös, auch wenn es nicht die erste dieser Veranstaltungen ist, die ich besuche – es ist Fashionweek in Berlin und gleich geht es zum Fashionbloggercafé, auf dem sich jede Menge Bloggerinnen und Blogger in einer instagramtauglichen, hippen Location treffen, um bei Essen und Getränken diverser Sponsoren in die vielen Smartphonekameras zu Lächeln und Smalltalk zu führen. Das klingt zynischer, als ich es tatsächlich empfinde, aber die Reizüberflutung, die vielen Kameras und die Menschen machen mich nervös und ich versuche es mit Humor zu nehmen. Alles ganz entspannt, ist schließlich nur ein Event mit Menschen, die das gleiche machen wie du. Am Eingang tummeln sich bereits die ersten Blogger, wir kommen zeitgleich mit einem Pärchen aus Mannheim an, das uns schon am Bahnsteig aufgefallen ist und von dem wir vermutet hatten, dass es auf das selbe Event geht. Wir stellen uns vor, plaudern ein wenig, bevor es weiter ins Innere geht und wir unsere Namensschilder bekommen (“Wenn ihr sie beim Gehen abgebt, bekommt ihr eure Goodie-Bag”).

Fashionbloggercafé White Edition in Berlin | Art is the new Black | Outfit, Style, Gucci Gürtel, Weißes T-Shirt | Glasschuh.com Blog aus Hannover von Lea Christin


Das Fashionbloggercafé – White Edition – findet in den Bridge Studios Berlin statt, die zwar schwer mit öffentlichen Verkehrsmitteln und hohen Schuhen zu erreichen sind, dafür aber perfekt zum Motto der Veranstaltung passen und ganz in weiß strahlen. Kurz frage ich mich, ob es nicht einen Dresscode gegeben hat und ich nicht auch in Komplettweiß hätte erscheinen sollen, aber mein weißes Shirt, das ich extra die Tage zuvor mit einem Spruch versehen habe, fügt sich ganz gut ein und beim Blick auf die vielen gut gekleideten Menschen, in den unterschiedlichsten Farben, verwerfe ich den Gedanken sofort wieder. Bei den Garderobenständern versuchen wir noch einen Platz für unsere Jacken zu finden und ich tausche meine flauschigen Boots, gegen elegantere schwarze Sockboots, während ich mit einer leichten Reizüberflutung zu kämpfen habe und mich darauf konzentriere beim Schuhetausch nicht die Balance zu verlieren. Ich zupfe an meiner Jeans und ermahne mich zum hundertsten Mal, auch ja den Bauch die ganze Zeit über einzuziehen, damit ich mich später nicht auf irgendeinem Foto mit rausgestrecktem Bauch ertappe. Es ist voll, am Eingang strömen neue Blogger nach und die ersten – obwohl das Event erst seit einer Dreiviertel Stunde läuft – verlassen die Location bereits wieder, mit gehetztem Gesicht und ohne nach Links und Rechts zu schauen (aber nicht die Goodie Bag vergessend). Eine Bekannte aus Hannover wirft mir nur schnell in der Tür ein hallo entgegen, bevor sie zum nächsten Event verschwindet. Wir hingegen verschwinden erstmal im Bad, vorbei an bekannten und weniger bekannten Gesichtern, alle schön, alle lachend, alle auffallend gut gekleidet.
Im Spiegel überprüfe ich noch einmal mein Make-up und ermahne mich dabei, das alles nicht so ernst zu nehmen und es nicht schlechter zu machen, als es eigentlich ist. Ja es geht hier nunmal um Aussehen, die Zahl der Instagram-Follower und ein recht oberflächliches Business, aber in der Regel bin ich gerne ein kleiner Teil davon und so lange ich mich nicht nur darauf reduziere, geht es mir relativ gut damit. “Komm du bist schön genug.” Meine Schwester hängt sich wieder ihre Kamera um den Hals und schaut mich aus dem Spiegel heraus an. “Ich habe Popcorn oben gesehen und ich möchte die Blogger fotografieren, einige sehen so gut aus! Meinst du ich kann die einfach so fotografieren? Ob ich sie einfach anspreche?” Ich lächle und freue mich über die Begeisterung und den lockeren Umgang, den meine Schwester zu mühelos beherrscht und gehe mit ihr plaudernd nach oben.
Der zweite Raum wird gerade mit dem strahlenden Licht der frühen Nachmittagssonne erhellt und ich komme am Stand von Any Di ins Gespräch. Mir werden die Besonderheiten der Tasche erklärt und wir erstellen ein kleines Boomerang-Video für Instagram. Meine Schwester knipst in der Zeit alles, was ihr vor die Linse kommt, während sich der Raum immer weiter mit Bloggern füllt. Die meisten stehen in Grüppchen zusammen, lachen, filmen und fotografieren, die Ersten schnappen sich die überall fliegenden Ballons und posieren vor den weißen Wänden. Ich sehe überall lange blonde, braune Haare und frage mich zum wiederholten Mal, ob ich mir nicht auch endlich die Haare verlängern sollte, um bei den aufwendigen, hübschen Frisuren mithalten zu können. Ein Mädchen hat tatsächlich nur ein dünnes, schulterfreies und sehr kurzes weißes Kleid an und wirft ihre langen Haare schwungvoll über die Schulter, während sie die Ballons in der anderen Hand hält. Mir wird schon beim Zusehen kalt und ziehe meine Schwester weiter.
Am Fenster sitzt der Illustrator Daniel Verovic, bei dem ich eine Zeichnung gewonnen habe – da er kaum mit dem Malen hinterher kommt, gibt er mir seine Visitenkarte und bittet mich, ihm ein Foto von mir einfach zuzusenden. Ein wenig enttäuscht bin ich schon und auch meine Schwester hatte sich gefreut, bei der Entstehung über die Schulter schauen zu können, aber ich freue mich, dass ich allgemein die Chance bekommen habe, einmal illustriert zu werden und wir schlendern zum Stand von Orsay, um uns die neue Kollektion anzuschauen. Jeans, Glenchek, Blumen – alles nichts neues oder besonders aufregend, aber der Hintergrund ist schön und wir denken an Instagram und natürlich auch an diesen Post und ich posiere ein wenig vor den Kleiderständern.

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Im zweiten Raum stehen Kaffee, Getränke und warmes Essen bereit und während ich mich zwischen karamelligen oder fruchtigen Kaffee von The Barn Berlin entscheide, komme ich mit den beiden Barristas ins Gespräch, lasse mir etwas zu den verschiedenen Kaffees erzählen und erfahre, dass die meisten Blogger anscheinend den Karamelligen bevorzugt wählen, obwohl der Fruchtige doch so viel runder und interessanter schmeckt. Ich habe Mitleid mit dem einen Barrista und wähle einfach beide Kaffees, um sie miteinander vergleichen zu können – geschmacklich können beide überzeugen, auch wenn der Fruchtige tatsächlich ein angenehmeres Aroma hat. Mit den Bechern Kaffee in der Hand und meiner Schwester an der Seite, steuere ich eine lose zusammenstehende Gruppe an einem Stehtisch an und frage, ob ich mich dazu stellen darf. Es folgen die üblichen Fragen nach dem Instagramaccount oder weiteren Social Media Aktivitäten und ich stelle zum wiederholten Mal fest, dass tatsächlich die wenigsten überhaupt einen Blog haben. Viele sind reine Instagrammer und ich denke daran, dass es ja jetzt auch Influencer heißt und dass ich mich immer noch nicht an dieses Wort gewöhnt habe – obendrein merke ich, dass ich mich alleine mit den Barristas schon mehr unterhalten habe, als mit irgendeinem anderen fremden Menschen im Raum und das auch noch auf englisch.
Es ist noch nicht ganz fünfzehn Uhr und die Location leert sich spürbar, Gruppen lösen sich auf und die wirklich bekannten, makellosen Gesichter mit den ellenlangen Beinen und den viel zu dünnen Outfits sind schon lange verschwunden, aufgebrochen zum nächsten Event. Auch bei uns ist so langsam die Luft raus, also schickt mich meine Schwester noch hier hin und dort hin, um mich vor dem einen oder anderen Hintergrund zu fotografieren. Ich mag mein lockeres Shirt mit dem Spruch, den mir eine Freundin gezeigt hatte und den ich daraufhin unbedingt als Druck auf ein Oberteil bringen wollte, aber hier zwischen all den Blusen und Kleidern frage ich mich, ob ich mir nicht doch etwas ausgefalleneres hätte überlegen sollen.

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Am Ende komme ich doch noch einmal ins Gespräch mit einer Bloggerin und zwar mit Bele Marie von Heys&Hugs, die mir mit ihrer offenen Art direkt sympathisch war. Wir unterhalten uns über Instagram und das Medium Blog, ob man nur erfolgreich wird, wenn man das rosa Barbie-Klischee erfüllen kann, oder ob es nicht viel wichtiger ist, man selbst zu sein, authentisch das zu tun, was man gerne mag und nicht die Erwartungen anderer zu erfüllen. Ich freue mich über ihre lockere und bodenständige Art, finde ihr Outfit tot chic und nachdem wir uns verabschiedet haben, die Sachen geschnappt und gegangen sind, habe ich ein viel positiveres Bild vom Event, als ich es zwischendurch erwartet hätte. Natürlich ist die Welt der Influencer, Instagramer, Blogger immer eine Spur oberflächlich – und je mehr sich der visuelle Aspekt in diesem Kosmos verstärkt, je mehr es auf perfekte Bilder, Verkörperung eines Ideals und die übertrieben positive Darstellung des Lebens ankommt, desto oberflächlicher und charakterloser wird diese Welt auch immer weiter. Aber ich ertappe mich dabei, wie ich durch Momente wie diesen, dass ich auf Menschen treffe, die nicht einfach mitmachen, aufsteigen auf der Welle, immer wieder darin bestärkt werde, dass dieser Kosmos auch Tiefgang haben kann, dass man ihn nutzen kann.
Wir hüllen uns in unsere Jacken, ziehen die Kapuzen tief ins Gesicht und eilen zum nächstgelegenen Bahnhof, mein Zug geht abends zurück nach Hannover, wo mein Freund auf mich wartet, mich gleichzeitig erdet und wieder aufbaut und wo ich die Idee habe, ganz ehrlich von diesem Event zu berichten und meinen Zwiespalt darzulegen. Ich stehe zwischen den Stühlen, da ich es doch einerseits so sehr liebe ein Medium zu haben, auf dem ich meine Gedanken festhalten, meine Leidenschaft für Mode ausleben und Erfahrungen mit euch teilen kann, aber in dessen Welt gleichzeitig so viel Oberflächlichkeit, übertriebene Perfektion und Gleichgültigkeit transportiert wird. Ich habe schon häufig darüber gegrübelt, meine Gedanken dazu mit euch geteilt und habe es die letzten Jahre doch immer wieder geschafft, ein Gleichgewicht zu finden – auf dem Fashionbloggercafé bin ich nur eine Influencerin mit zu wenigen Followern auf Instagram und nicht genügend Make-up im Gesicht, aber hier kann ich jemand mit einer Meinung sein, so wie ich es auch im echten Leben bin, kann auch mal kritisch den Mund aufmachen und muss nicht alles unreflektiert so hinnehmen, nur damit ich niemanden auf den Schlips trete. So wie ich nicht jede Kooperation annehmen muss, weil mir die Produkte nicht gefallen oder mir das Unternehmen unsympathisch ist, so muss ich auch nicht meine Erfahrungen mit so einem Event bedingungslos positiv darstellen. Ich fühle mich unwohl zwischen so viel Oberflächlichkeit, bei der die Followerzahl mehr Gewicht hat, als Sympathie oder Intelligenz, bei dem alles in den Himmel gelobt wird, nur weil es kostenlos ist und alle anderen Menschen nur unwichtige Randobjekte werden. So möchte ich selbst nicht werden und wenn ich auf solchen Events die Möglichkeit bekomme, dieses Phänomen zum einen live zu erleben und zum anderen mit wirklich herzlichen und intelligenten Menschen ins Gespräch zu kommen, dann werde ich das nächste Mal gerne wieder über meinen Schatten springen, mir viel zu viele Gedanken über mein Äußeres machen und die ganze Zeit über lächeln und den Bauch einziehen – und Popcorn wird es ja vielleicht auch wieder geben.

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8 Comments

  • Liebe Lea :)

    Danke für deinen Beitrag. Ich ärgere mich tagtäglich über Instagram und seine Wichtigkeit.
    Firmen lehnen mich als Kooperationspartnerin ab, weil sie finden, ich hätte zu wneige Follower.
    Die Zahlen für den Blog haben sie da noch nicht einmal gesehen.

    Ich bin froh, dass es noch andere gibt, denen der Blog und seine Tiefe einfach wichtiger ist, als die platte Welt von Instagram.
    Deine ehrliche Meinung finde ich einfach super und erfrischend.
    Weiter so :)

    Wishes, Kat

    • Liebe Kat,
      vielen Dank! Es freut mich wirklich sehr, dass du das ähnlich siehst und ich mit meiner Frustration über den Stellenwert der App nicht alleine dastehe! Danke, dass du das mit mir geteilt hast :)

      Liebst ♥
      Lea Christin

  • Der Blogeintrag ist wirklich toll :) ich finde es super, dass du das ganze genau so empfunden hast wie ich. Diese Influencer Welt ist schon manchmal verrücke :)

  • Hallo Liebes,

    vielen Dank für den tollen Text und den Einblick hinter die Kulissen. Ich verstehe, dass man automatisch beginnt, sich zu vergleichen und schaut, was andere wie und eventuell wie erfolgreich betreiben. Wir alle kennen den Spruch, dass zu viel Vergleichen unglücklich und unsicher macht. Trotzdem ertappt man sich oft dabei…

    Wenn ich an Dich und Deinen Blog denke, kommen mir immer folgende Dinge in den Kopf: smart, authentisch und clean. Du bist schlau, lieferst mehr als das was man sonst in der fashion blogger Szene zuhauf sieht. Diese Eigenschaften heben Dich ganz klar von anderen ab. Keine rosa-roten commercial Bilder mit der typischen random caption. Wo du dich fragst, ob du nicht auch deine Haare lang tragen sollst, freue ich mich über deinen edgy look (meinen langen Haaren will ich demnächst auch an den Kragen). Um jetzt auch mal ganz oberflächlich zu sein: ja du bist nicht die typische blonde Bloggerin mit blauen Kulleraugen und der Wallemähne, entsprichst vielleicht auf den ersten Blick nicht dem aktuell regierenden Schönheitsideal. Du bist viel mehr! An deinem Aussehen bleibe ich oft hängen, denn du hast diese zeitlose und klassische Schönheit, die man erstmal “verstehen” muss.

    Ich hoffe, ich bin Dir mit diesem Text jetzt nicht auf die Füße getreten. Wollte nur loswerden, dass ich fest davon überzeugt bin, dass Du Deinen Weg gehen wirst und auch genau so, wie du es machst, erfolgreich bist!

    Liebste Grüße,
    Sarah

    http://www.eattraincare.com

    • Liebe Sarah,
      erstmal vielen Dank für deine warmen Worte – ich bin ganz baff bei den Komplimenten. Und du bist mir auch gar nicht auf die Füße getreten; Im Gegenteil, ich habe mich wirklich sehr darüber gefreut und weiß gar nicht, was ich sagen soll :) Ich muss mich einfach immer wieder daran erinnern, dass ich niemand anderes sein muss, um erfolgreich zu werden, sondern einfach nur authentisch das mit dem Blog transportieren sollte, was ich bin, was ich mag und was mich ausmacht :) Also Danke, dass du mich darin nochmal bestärkt hast – sowas zu lesen tut ausgesprochen gut!

      Liebst ♥
      Lea Christin

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