Wasch mir den Pelz…

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…aber mach mich nicht nass.

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Das Thema Echtpelz mag Otto Normalkleidungsträger eher wenig interessieren. Er bringt vielleicht reiche russische Frauen und Après Ski mit Fell in Verbindung oder hat mal auf der Kö vor einem entsprechendem Schaufenster gestanden und über die horrenden Preise den Kopf geschüttelt.

Auf parade-gegen-pelz.org kann jetzt jeder der will, sich einen putzigen “Nacketar” erstellen und gemeinsam mit anderen Nackideis gegen Echtpelz in der Modeindustrie demonstrieren. Das Konzept finde ich persönlich sehr gelungen. Neben der Demo an sich, kann man sich über die Pelzindustrie informieren und ganz gezielt auch auf Aufrufe gegen bestimmte Modehäuser reagieren.

Hier könnt ihr gerne meinen Nacketar anschauen und mir ein paar Punkte einbringen :)
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(c) by parade-gegen-pelz.org

Der Gedanke ist super. Keine Frage.
Schon seit längerer Zeit gibt es ja immer wieder Kampagnen gegen den Pelz. Zur Zeit ja sogar auf Kleiderkreisel eine sellsnopelz Aktion.
Aber jetzt mal ganz ehrlich: Hand aufs Herz! Wer von euch hat in seinem Leben schon einmal Pelz getragen, geschweige denn, den Wunsch in sich gespürt, unbedingt einen dicken Nerzmantel für zwei-bis dreitausend Euro zu besitzen? Eben.

Es ist leicht gegen etwas zu protestieren und auf etwas zu verzichten, was man nie besessen hat.

Ich will hier jetzt nicht behaupten, dass ich ein Pelzträger bin, oh nein, ich gehöre auch eindeutig zu den Otto Normalkleidungsträgern. Viel mehr stelle ich mir die Frage: Warum gibt es riesige Aufrisse zum Thema Echtpelz, um knuddelige Füchse, Nerze und Häschen zu retten, aber niemanden, der die generelle Produktion von Kleidung hinterfragt? Warum wird hier keine Kampagne gegen die Ausbeutung von Arbeitskräften (und womöglich Kindern) in China und Co. gestartet?
Auch ein aktuelles Thema: Selbst Amazon, der Internetgigant, beutete zur Weihnachtszeit seine Leiharbeiter wie Sklaven aus. Wen es interessiert, kann sich in der ARD Mediathek den Bericht “Ausgeliefert” ansehen.

Wir behaupten gerne, dass wir in einer modernen, zivilisierten Zeit leben, aber eigentlich versteckt sich unser skrupelloses, machthungriges Wesen heutzutage nur sehr gerne hinter ausgeklügelten Imagekampagnen und Scheininitiativen. 

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Was ich damit sagen möchte: Wir engagieren uns alle gerne. Man sieht es an den Hollywoodsternchen, die afrikanische Kinder adoptieren und den Regenwald retten, ihr Gesicht für Peta und alles mögliche andere hinhalten, um ein Image wie Schwester Theresa aufzubauen. Wie viel ist Schein und wie viel ist sein?
Wenn es uns nicht selbst betrifft, schreien wir doch förmlich hier, um Petitionen gegen Pelze, Legebatterien oder Atomenergie zu unterschreiben. Heißt es dann aber als Konsequenz, wir müssen mehr Geld für Strom zahlen oder die Lebensmittelpreise werden teurer, dann wollen wir es hinterher nicht gewesen sein.

Es besteht ein großes Solidaritätsproblem in unserer Gesellschaft und das wird auch nicht durch putzige Paraden abgeschafft. 

Hinterfragen wir unser eigenes Verhalten, dann sind wir manchmal (oder häufig) ziemlich faul. Natürlich möchte man für 50€ eine komplett neue Garderobe von Primark bekommen, darüber nachdenken, wie die Preise entstehen, wollen viele nicht.
Natürlich möchten viele billiges Essen und möglichst wenig für Lebensmittel ausgeben, zu überlegen, ob das überhaupt noch Qualität versprechen kann – lieber nicht.

Ich kann nur mein eigenes Verhalten ändern. Ich kann mich bewusst entscheiden, in Ökostrom zu investieren oder etwas mehr Geld in qualitativ hochwertige Lebensmittel zu stecken, anstatt drei mal im Jahr mit dem Flieger zum Ballermann zu reisen.
Andere dazu zu zwingen ebenfalls dieses Verhalten anzunehmen kann ich nicht, ich kann es ihnen nur vorleben.
Doch ich muss auch akzeptieren, dass es Menschen gibt, die zu bequem sind ihr Verhalten zu ändern. Sei es in Hinblick auf Lebensmittel oder Pelz.

Sich für Dinge engagieren die mich selbst nie betreffen werden – natürlich gerne. Selbst Abstriche in meinem Leben in Kauf nehmen – schwierig.

Ob sich diese Einstellung, die doch im Grunde in unseren Wurzeln verankert ist, je verändern kann oder ob wir da eine Utopie anstreben, kann ich nicht beurteilen.



christin

Beauty begins the moment you decide to be yourself. - Coco Chanel

8 Comments

  • Antworten Februar 17, 2013

    Anna im Wunderland

    Du hast völlig Recht und greifst ein so wichtiges Thema auf, dass mich schon seit längerem beschäftigt. Das Verrückte ist aber, dass ich mir einerseits der Produktionsbedingungen bewusst bin, dieses Wissen aber andererseits verdränge sobald ich bei H&M ein hübsches Teil zum Schnäppchenpreis in der Hand halte…

  • Antworten Februar 19, 2013

    leni

    ein thema, mit dem ich mich momentan auch tag und nacht beschäftige und einfach auf keine vernünftige lösung komme :/

  • Antworten Februar 22, 2013

    Anna

    Richtig super geschrieben ! Hast völlig Recht, was die Sache angeht. Besonders die Sache mit Primark und und.. Viele Russen haben es auch nicht leicht (bin selber Russin und deswegen kann ich es sicher sagen, wobei ich selber kein Pelz besitze und auch Vegetarier bin), ich kenne welche, die Pelz besitzen, diesen aber gar nicht tragen wollen, weil sie einfach Angst haben auf der Straße angegriffen zu werden. Okey, das ist mal wieder ganz anderes Thema, aber trotzdem finde ich das total schrecklich ! Ich meine, hallo, sie haben ja auch das Geld nicht vom Himmel geschickt bekommen und haben dafür hart und lange gearbeitet. Keiner hat das Recht dazu, einem Fremden seine Sachen einfach mit Farbe oder sonst was zu zerstören. So viel zum Thema modernesierte Welt, wo nicht mal die Menschen sich normal benehmen können. Huh, regt mich das auf ! tut mir leid. Aber toller Post !

  • Antworten Februar 22, 2013

    Patrizia

    Ich stimme dir absolut zu, aber es ist auch einfach ein sehr schwieriges Thema. Natürlich möchte niemand, dass irgendwo Kinder Kleidung zusammen nähen, anstatt zur Schule zu gehen, zu lernen und überhaupt eine Kindheit zu haben. Oder auch Lebensmittel von ausgebeuteten Arbeitern von sonst wo her, Atomstrom und was es nicht noch alles “böses” gibt.
    Nun ist das aber gerade, als Auszubildende, Studentin oder sonstige Gruppe mit wenig Geld wirklich schwierig, da seine Moralvorstellungen in Sachen Konsum umzusetzen. Irgendetwas muss man ja essen und anziehen. Und dann würde man sich auch noch freuen, wenn Geld übrig bleibt für das eigene Vergnügen.

  • Antworten Februar 25, 2013

    Ariane

    Ein wirklich toller Artikel und ein mehr als wichtiges Thema. Ich muss auch immer etwas die Stirn runzeln bei den ganzen Aktionen, die vor allem im Internet laufen. Gegen dieses und jenes und alles wird protestiert, und das meistens so einfach und bequem, wie es irgendwie geht, nämlich per Mausklick… Der Sinn dahinter wird dann meistens gar nicht in Frage gestellt ;)

  • Antworten Februar 26, 2013

    Lopa

    Da haben wir wieder das Problem, dass der Verbraucher zur Verantwortung gezogen wird. Natürlich richtet sich das Angebot nach der Nachfrage: Wenn niemand mehr bei H&M kauft, weil keine Sozialstandards in der Wertschöpfungskette eingehalten werden, muss H&M reagieren. Solange noch genug Menschen dort einkaufen, läuft es weiter wie gehabt. Ich bin der Meinung, dass nicht nur die einzelnen Menschen, sondern auch die Politik verantwortlich ist. Es gibt keine Gesetze, die diese schlechten Arbeitsbedingungen unterbinden. Ist auch etwas schwierig über Ländergrenzen und Kontinente hinweg. Das Los der Globalisierung.

    Und hier etwas interessantes zum Thema Fair Trade:
    http://www.dailymotion.com/video/xtm2w4_weltjournal-fairtrade-wirklich-fairer-handel_news#.USwHDFdrjiV

    Und noch mehr für Weltverbesserer:
    http://de.gloria.tv/?media=125010
    http://vimeo.com/20204727

    Allesamt sehr gute Dokus.

  • Antworten März 2, 2013

    b.

    amazon beutet die leute nicht nur an weihnachten aus.
    es ist ein allgemeines problem in deutschland.
    ich arbeite als arbeitsvermittlerin im jobcenter und wenn ich sehe, was ich meinen kunden für sch***jobs anbieten kann, schäme ich manchmal selbst. fast alles nur noch zeitarbeit und brutal schlecht bezahlt.
    sind die leute einmal krank, fliegen sie und ich stehe 2 wochen später wieder da und biete ihnen einen ähnlichen job an, weil ich keine alternative habe.

    • christin
      Antworten März 2, 2013

      christin

      Da kriegst du es ja wirklich aus erster Hand mit, tragisch wie wenig man sogar als Arbeitsvermittlern dagegen tun kann :/ Ich denke dass man da politisch auch viel ändern sollte und bestimmt auch kann, würden da nicht so riesige Lobbys hinterstehen…je mehr ich von euch hier erfahre, desto niedergeschlagener fühle ich mich, wenn ich an die Verhältnisse in Deutschland denke.

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